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Neuseeland – Die Kuh im Schafsfell

Manch einer könnte uns für verrückt halten! Neuseeland zu verlassen ohne die Südinsel gesehen zu haben?

Aber ja, wir haben es getan und wir waren sehr traurig über die Tatsache dass wir den geplanten Road-Trip mit Hugo und Mattia nicht antreten konnten. Doch die letzten Wochen in denen wir quer durchs Land reisten haben uns wahrlich die Augen geöffnet.

Die Natur, keine Frage, eine außergewöhnliche Schönheit und sie präsentiert sich stets von ihrer schönsten Seite. Doch ändert man den Blickwinkel und sieht ein wenig nach links, rechts und hinter sich, blickt man auf das wahre Leben eines Kiwis. Wir trafen und sahen unzählige Schicksale die uns über das Traumziel Neuseeland tiefgründiger nachdenken liessen.


Der große Work and Travel-Traum Neuseeland,

ist unserer Ansicht nach zu Ende und die beiden Inseln sind nicht wirklich auf diese unglaubliche Anzahl von arbeitswilligen Reisenden ausgelegt. Mit uns waren ca. 40.000 weitere Deutsche auf den beiden Inseln. Franzosen, Argentinier, Engländer und Italiener nicht mitgerechnet. Die meisten Jobs gibt es beim Fruitpicking und dir wird garantiert nur der Mindestlohn (wie fast in allen anderen Jobs auch) bezahlt. In diesem Job musst du dich zudem ganz schön behaupten und ob du am nächsten Tag sicher nochmal arbeiten darfst, sagt dir oft niemand so wirklich. Die Arbeit ist wahnsinnig hart und nicht zu unterschätzen. Wenn du das grosse Glück hast ein „native-speaker” zu sein könntest du mehr Glück haben und vor allem einen besseren Job bekommen. Wie wir bereits geschrieben haben kommen auf ein Jobangebot mind. 200 Bewerber und zu 98% bekommst du nicht mal eine Antwort bzw. Absage. Um einen guten Job zu finden bedarf es also viel Zeit und Ausdauer.

Doch was soll man der neuseeländischen Regierung vorwerfen? Dass sie es nicht schaffen mehr Jobs zu kreieren? Dass sie mit dem reichen Australien nicht mithalten können, aber meist im gleichen Satz mit ihnen genannt werden? Oder etwa dass sie weiterhin Backpacker mit einem Arbeitsvisum ins Land holen aber diese nur gerade gut genug sind um für einen Hungerlohn auf dem Feld zu arbeiten?

Bei allein 175 Euro pro Working Visa, plus der Alkohol (min. 25 – 30 Euro pro Kiste Bier) der in den Hostel vernichtet wird, plus die Zigaretten (günstigste Packung 14 Euro) braucht es kein BWL Studium um zu erkennen dass das sicheres Geld ist. Da läuft schon so einiges in die Kassen. Jetzt könnte man sagen: „Ey, ihr Backpacker, dann trinkt doch nicht!?” Doch das genaue Gegenteil ist der Fall! Vor lauter Langeweile und leichter Perspektivlosigkeit sitzen sie den halben Tag im Hostel, schauen einen Film nach dem anderen bis man dann Abends mit dem Trinken anfängt. Denn wie ja bekannt, mit Alkohol sieht alles nicht ganz so schlecht aus…

Wir haben Top “Internationales-BWL” studierte Menschen getroffen die an Türen klopfen um zu fragen ob man die Bewohner vielleicht für Yellow Strom begeistern könnte?
Kann man Wissen von jungen, begeisterten Menschen nicht anders nutzen? Nein, es bekommen ja nicht ein mal die Kiwis einen ordentlichen Job, da liegt es klar auf der Hand dass man die wenigen Jobs nicht auch noch abgibt.

Genau mit einem dieser BWL Studenten hatten wir ein interessantes Gespräch über Perspektiven für junge Menschen zwischen 18 und 30 in Neuseeland. Es gibt sie quasi nicht! Keine Firmen die einem eine Zukunft bieten könnten. Viele kleine Gewerbe mit 3-6 Angestellten, und so machen die meisten rüber nach Australien. Warum auch nicht? Sie brauchen ja nicht mal ein Arbeitsvisum.

Ein mittlerweile gut befreundetes Pärchen erzählte uns ihre Geschichte: “Wir kamen her mit der, eventuellen, Absicht hier für immer zu leben. Nun sind wir seit 7 Monaten hier, haben NUR gearbeitet und mehr als 13000 $ ausgegeben. Und für was? Für schlechtes Essen, billigen Alkohol und miese Unterkünfte!”


Maorikultur
Im hohen Norden trafen wir auf John, den 76 jährigen Engländer der mittlerweile in Neuseeland wohnt. An einen Satz den er sagte können wir uns noch ganz gut erinnern: „Maorikultur!? Von welcher Kultur sprecht ihr denn? Es gibt keine wirkliche Kultur! Nahezu alles wurde erschaffen um mit dem Tourismus Geld zu machen.“ Vor 2 Monaten wussten wir noch nicht so genau was John damit meinte. Aber im Nachhinein ist man ja bekanntlich immer schlauer.
“Maorikultur” ist ein Megabusiness. Da werden schon mal schöne Muster und Gesichter in Stein gemeißelt um danach Kanuausfahrten mit kulturellem Hintergrund anbieten zu können. Selbstverständlich hatten die Vorfahren Neuseelands ihre Rituale, eigene Bräuche und Kultur und manch einer lebt sogar heute noch danach, doch das Grosse und Ganze wird heute vermarktet bis zum bitteren Untergang. Die Realität ist: Sehr viele Maori sind arbeitslos und teilweise sehr verarmt und die weissen Kiwis fürchten sich oftmals sogar vor ihnen. Selbstverständlich gibt es auch hier Ausnahmen und genügend Maori haben einen super Job und es “geschafft”, doch auch ihre Gesichter sprechen oftmals eine andere Sprache.

Wir schrieben bereits von trinkenden Jugendlichen, raubenden Maori-Banden und Dörfern sowie ganze Gegenden ohne Polizei. Doch im Angesicht der Tatsache dass wir hier von einem 1. Welt Land sprechen ist das eine verzerrte Wahrnehmung. Mit vielen Backpackern haben wir gesprochen die diese Ansicht teilen doch leider sind es nicht die jungen Packers (die Mehrzahl), sondern zumeist die Backpacker die bereits ein wenig Lebenserfahrung gesammelt haben. Sie erkennen dass hier etwas nicht in der Waage ist.

Kauf 2 bekomm 3 Mentalität!
Vollkommen nach der Nase Amerikas. Überhaupt hat man mehr das Gefühl dass das meiste der Kultur aus England kommt und das Essen aus Amerika. Aber so richtig Englisch will man dann auch nicht sein. Die Esskultur ist die gleiche Geschichte wie in Australien! Ich frage mich: Wo wäre eigentlich Mc Donald’s, Burger King, Pizza Hut und Co. eigentlich wenn es den Markt auf diesen zwei Inseln nicht gäbe? Jedes Kaff mit mehr als 2000 Einwohnern hat mindestens eines davon.

Woofing,
ist Legitimation für moderne Sklaverei. 2-4 Stunden ist angedacht um für seine Unterkunft zu arbeiten. Die Wirklichkeit liegt oft bei 6-8 Stunden, was die jungen Reisenden auf den Farmen weg schuften. Ich sage gezielt “junge Reisende”, denn sie sind bereit so etwas zu tun, aus Mangel an Optionen. Jemand der schon einmal gearbeitet hat und nicht direkt nach dem Abi nach Neuseeland kam macht so etwas nicht. Und der Farmer denkt sich natürlich dabei: ‘Warum soll ich denn jemandem einen guten Lohn zahlen wenn ich auch sechs 19 jährige bekomme die das unter „Erfahrung“ ablegen und es umsonst tun!? Das freut doch!!’

Internetzugang,
als Möglichkeit an den Backpackern noch mehr Geld zu verdienen. 100 MB Kosten wirklich unglaubliche 4$. Das ist nach zweimal Emails checken allein schon wegen der ganzen Werbung im Netz verbraucht. Als Vergleich: Länder wie Indonesien, Vietnam oder Laos bieten in allen Hostels kostenloses WIFI an. Und das sind keine “1. Welt” Länder! Wie meinte ein Hostelmanager mal zu mir: “Daran wird sich auch so schnell nichts ändern. Neuseeland liegt in der Entwicklung noch ca. 20 Jahre hinterher…“.

Wie ist NZ machbar?
Man kann bestimmt eine tolle Zeit auf Neuseeland verbringen doch dann müssen die richtigen Gegebenheiten vorliegen. Am Besten man spart einen Batzen Geld und verbringt einen mehrwöchigen, schönen Urlaub hier. Wenn man jung ist, bietet sich wohl am besten ein Schulaustausch mit Gastfamilie oder eine Aupair Stelle an. Da hast du was zu tun, hast ein Bett, bekommst Essen und am Ende der Woche auch noch etwas Taschengeld. Die großen Fixkosten fallen somit schon mal weg.

Und was haben WIR daraus gelernt? Wir kamen nach Neuseeland mit sehr grossen Erwartungen. Es sollte einer der Höhepunkte unserer Reise sein, Sarah hatte sich unglaublich darauf gefreut. Tatsächlich entpuppte es sich als unser erster großer Tiefpunkt. Wir hoffen zwar dass es nicht noch tiefer geht aber eines steht fest: Wir werden in kein weiteres Land mehr mit großen Erwartungen reisen! Wir lassen uns einfach überraschen und treiben.

Jetzt kann man natürlich sagen: “Ihr zwei, dann schau halt nicht wieder unter jeden Stein.” Aber das können wir nicht und somit haben wir unsere Schlüsse gezogen und das Land vorzeitig verlassen. Denn unterm Strich kann uns dieses Land nicht mehr so viel emotional bieten was es uns finanziell kostet, wie Sarah mal so schön sagte… Traurig aber wahr! Goodbye NZ!

Die Travelpunks

2 Kommentare on "Neuseeland – Die Kuh im Schafsfell"

  • Hallo ihr Zwei,
    eure Darstellungen sind ernüchternd. “Schaut nur weiter unter jeden Stein”, warum, für mich ist eine Sicht, die nicht so kommerziell und allgemein dargestellt wird, wie in den gängigen Medien, auf jeden Fall sehr interessant.
    Aber dass ein Land, das Wohl der Traum vieler Deutschen ist, aktuell wohl ca. von 40.000, eigentlich nur eine Fassade darstellt, hätte ich nicht, zumindest in der von Euch geschilderten Form erwartet.
    Es ist gut, dass ihr eure Entscheidung getroffen habt und die Zeit nutzt um Anderes und Neues zu sehen. Bleibt eurem “Kurs treu” und freut euch auf das was noch kommt und genießt es.
    Ich wünsche euch auf jeden Fall noch viele schöne und gute Erfahrungen und eine glückliche Zeit.
    Ich wünsche mir von euch weiterhin so interessante und aufschlussreiche Berichte, denn ich bin jedes Mal auf’s neue gespannt, was ihr zu berichten habt. Weiter so!!

  • Hallo Ihr Beiden,
    liest sich sehr traurig. Aber Ihr werdet sicher noch ganz tolle Erlebnisse haben. Einfach positiv denken (aber das macht Ihr ja sowieso).
    Alles Liebe Eure Göttin

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