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Ben

White Island – Verflixt und zugeschwefelt

Vorab. Lange ist es mittlerweile her dass wir uns das letzte Mal zu Wort gemeldet haben, daher wird der folgende Bericht auch etwas ausführlicher gehalten. Wir hatten leider mit einigen unerwarteten Dingen zu kämpfen die uns kurzzeitig etwas aus der Bahn geworfen haben. Aber jetzt ist wieder alles im Lot und unter Kontrolle.

Kontrolle. Auf Reisen. Hmmm, eine schlechte Wortwahl. Sagen wir weitestgehend “im Griff”.

Wir haben also Auckland vor knapp 4 Wochen zum zweiten Mal verlassen um uns das wahre Neuseeland anzuschauen. Das Neuseeland dass jeder aus den TV Dokumentationen kennt. Dieses Mal führte uns unsere Reise in den Süden der Nordinsel. Vorbei an endlosen grünen Hügeln, Ansammlungen von Kühen inmitten einer schier unendlichen Zaunlandschaft hin zu kleinen Städten in Buchten umgeben von noch mehr Hügeln und Bergen. Die Landschaft hat uns genau das gegeben was wir wollten – traumhaftes Entertainment. Fantastisch!

Doch wie der Mensch so ist (oder vielleicht ist’s auch nur unsere kleine Last) so will er doch nach 2 Wochen grünen Hügeln wieder was Neues sehen. Ein Besuch am Drehort zu Herr der Ringes Auenland gäbe uns leider nicht was wir brauchen. Auch eine der zig buchbaren “Adventure and Fun Tours” würde nicht das gewünschte Ergebnis erzielen. Also musste irgendwas anderes her. Die Entscheidung viel schnell und leicht. White Island. Ein aktiver Schwefelvulkan vor der Küste im Pazifik. Sarah brachte den Wunsch bereits mit nach Neuseeland und so buchten wir ein weiteres Mal ENTERTAINMENT. Dieses Mal gab es nur einen Anbieter, Schiff bzw. Helikopter, der einmal täglich den Hafen von Whakatane verlässt um Touristen das zu zeigen was sie sehen wollen. Wir entschieden uns für das Schiff.

Ich versuche weitestgehend auf Wiederholungen zu verzichten. Auch wenn diese Ausfahrt doch schon erhebliche Ähnlichkeiten zu unserer Letzten aufwies.

06:15 Uhr
Der Wecker klingelt. Es ist dunkel und es nieselt. „Wann sind wir eigentlich das letzte Mal aufgestanden als es noch dunkel war?“ werde ich gefragt. Ich grummel etwas unverständliches in meinen Bart.

06:45 Uhr
Ohne einen Kaffee machen wir uns auf den Campingplatz zu verlassen. Pancha peitscht uns durch den immer stärker werdenden Regen. 20 km Fahrt bis Whakatane. ‘Bitte lass es nicht den ganzen Tag so ein Wetter sein!’

07:30 Uhr
Wir stehen inmitten der ankommenden Massen in einem kleinen Kiosk am Hafen. Bezahlen, Sicherheitsunterweisung, Haftungsausschluss. In der Broschüre stand etwas von gutem Schuhwerk. Mir fällt eine leicht übergewichtige Engländerin in schwarzen Lackschuhen auf. Ich brauch noch einen Kaffee…

08:00 Uhr
Pünktlich läuft das Boot aus. Es ist ein schönes Boot. Wohl eher eine umgebaute Yacht die zu touristischen Zwecken mit ausreichend Sitzmöglichkeiten und einigen Metallstangen zum Festhalten ausgebaut wurde. Wie im Bus. Ich denk mir nicht viel und wir nehmen auf der Heckterrasse des Oberdecks platz.

08:05 Uhr
Aus den Lautsprechern pumpt Justin Timberlake. Zwei junge Mädels sitzen uns gegenüber, voller Eifer versuchen sie den Text mitzusingen. Es sind Deutsche. Eine der Mädchen telefoniert noch kurz mit Mama zu Hause, erzählt ihr stolz dass sie in den letzten 2 Wochen nur 1 Mal fürs Übernachten gezahlt haben. Ich denke mir meinen Teil dazu…
Neben ihnen sitzt ein älteres Paar aus England. Ich nenne den Mann von nun an liebevoll Prinz Charles. Die Ähnlichkeit ist verblüffend! Sie sind sehr freundlich und uns sehr sympathisch.

08:15 Uhr
Wir verlassen den Hafen von Whakatane. 1,5 Stunden Bootsfahrt liegen vor uns.
„Auf der linken Seite sehen sie nun eines unserer Wahrzeichen von Whakatane.“ sagt der Kapitän durch. Eine stehende Meerjungfrau blickt auf den Ozean. Sie ist wirklich sehr schön. Eine wildgewordene Masse Kameras mit an sich geketteten Menschen stürmt an uns vorbei. Es geht zu wie beim Erstverkauf des neuen Iphone 7. Jeder will nach vorn. Ich konnte es selbst kaum fassen – ich habe ein Bild davon schiessen müssen! Ein Mann mit einem Wahnsinns Objektiv fällt mir auf. Ihn nenne ich von nun an den 300 mm Mann. Er gehört zu einer ca. 20 Personen starken Gruppe aus Finnland die alles unter die Linse nehmen.

08.30 Uhr
Wir sind auf dem Pazifik. Die Sonne befindet sich schon zwei handbreit über dem Horizont, jedoch noch zwischen den Wolken. Es hat aufgehört zu regnen. Die See ist ruhig. Eine traumhafte Stimmung. Die zwei Mädchen geniessen und hören grinsend Musik. Der Prinz hält die Hand seiner Frau. Neben mir taucht der 300 mm Mann auf.

09:00 Uhr
Die See wird rauer. Sie wird doch nicht…?

09:10 Uhr
Doch! Sie tut es. Seegang. Ordentlicher Seegang. Der Prinz sitzt in Fahrtrichtung mir gegenüber und hält seiner Frau die Hand. Alle 20 Sekunden frischt ihm die Gischt ins Gesicht. Ich erfreue mich an seiner Tapferkeit und denke mir: ‘Na das bisschen steh ich auch durch.’ Sarah ist sich ihrer Sache anscheinend genauso sicher und sitzt gelassen neben mir. Die Mädels haben aufgehört zu grinsen.

09:15 Uhr
Ok das war’s. Ich pack’s nicht. Ruft die Armee, die Bomber, die Kavallerie. Holt mich hier raus!
In Gedanken sehe ich meinen Vater an der Reling stehen. Frohlockend grinst er mir zu: „Na mein Sohn? Dad is ma ne steife Brise heute wa?“ Ich stimme ihm nicht zu. Ich ignoriere ihn. Einer der Crew Mitglieder reicht mir eine Papiertüte mit den Worten. „Besser davor also danach…“ Haha, noch so’n Spassvogel! Trotzdem, es ist sehr nett von ihm. Danke!
Es werden Sicherheitshelme und Gasmasken verteilt. Was macht eigentlich der Prinz? Er hat sich auf der Bank etwas weiter nach innen gesetzt, doch er geniesst.
Ich glaube es ist sein Boot…

09:30 Uhr
‘Halte durch… Halte durch. Halte das durch!’ Der Vulkan ist bereits zum greifen nah und Gott sei Dank, die See beruhigt sich im Schatten der Insel. Freundlich bittet mich der Mitarbeiter auf die erste Fuhre zur Insel ins Zodiac. „Bringt mir den Kerl von meinem Schiff“, wird wohl der Kapitän zu ihm gesagt haben.
Die Landschaft auf der Insel erinnert mehr an einen Planeten aus Star Wars. Spitze Felsen, blubbernde Schlammlöcher, überall Dampf. Er brennt in unseren Augen. Der Gestank von Schwefel macht sich breit. Man hat Mühe guten Halt zu finden.

09:45 Uhr
Wir werden in 2 Gruppen aufgeteilt. Ihr erinnert euch an die Engländerin in den schwarzen Schuhen? Sie liegt bereits zum zweiten Mal auf dem Rücken. Es sieht schmerzhaft aus. Ich will ihr hoch helfen, doch unser Guide ist schnell. Ich denke es ist nicht das erste Mal dass sowas passiert…

10:00 Uhr
Im Gänsemarsch stapfen wir in Richtung des Kraterrandes den Berg hinauf. Allerlei Wissen wird ausgetauscht. Gelbe Schwefelablagerungen auf Stein mit etwas Dampf bei der Seite laden zum Selfie ein. Die Gruppe ist fast am Krater angekommen.

10:30 Uhr
Wir sind am Höhepunkt der Tour angekommen. Der Kratersee eines aktiven Vulkans. Grünliches Wasser das je nach Temperatur und Schwefelgehalt die Farbe von blau nach rot nach Gelb wechselt. Dämpfe und Blubberblasen. Ein bizarrer Anblick der einem den Respekt vor der Natur wieder in Erinnerung ruft. Fantastisch! Nur 500 m unter uns fliesst kochende Lava.

10:45 Uhr
Es geht wieder den Berg hinunter. Wir machen an einem kleinen Bach halt der aus irgendeinem Teil des Berges entspringt. „Mineralwasser” Testing steht an. “Hmm, gar nicht mal so lecker…”

Nächsten Halt: der alte Minenabbau Platz an dem zu Beginn des 20. Jahrhunderts Schwefel abgebaut wurde. Jedoch starben 1914, bei einem von vielen Ausbrüchen, 12 Bergleute und der Abbau ging von da an nur noch schleppend voran bis er 1934 komplett eingestellt wurde. Die Ruinen der Fabrik sind noch heute, zum Teil, gut sichtbar, allerdings von den säurehaltigen Dämpfen stark zersetzt.
Forscher des GeoNet Projekts haben mittlerweile zahlreiche Messinstrumente für Erdbebenwarnungen auf White Island installiert und über 3 Webcams kann man zudem ständig den Vulkan aus verschiedenen Blickwinkeln beobachten. Täglich messen die Instrumente bis zu 1000 Erdbeben auf der Insel, wovon der Großteil natürlich nur für die Geräte sichtbar ist.

11:00 Uhr
Wir werden zurück auf’s Boot gebracht und dürfen uns nun entspannen. Es gibt ein gut gefülltes Lunchpaket und zudem ein wunderschönes Panorama bei der Umkreisung von White Island. Alles ist perfekt Abgestimmt, eine äußerst durchdachte Geschichte.

11:30 Uhr
Wir treten den Rückweg an. Der Kapitän meldet sich zu Wort: „An den meisten Tagen können wir auf der Rückfahrt Delphine und Wale sehen“. Ich beobachte wie sich die Pupillen der Finnen weiten, der 300 mm Mann scheint in Schockstarre zu verfallen…
‘Oh bitte nicht!! Das hält das Boot wohl nicht aus…’

Wir bekamen an diesem Tag keine Meeressäuger zu sehen. Und hätte ich welche am Horizont erblickt? Ich hätte es wohl nicht laut gesagt.

13:00 Uhr
Nach einer vergleichbar ruhigen Rückfahrt wurden wir am Hafen Whakatanes wieder abgesetzt. Stinkend wie eine Streichholzschachtel setzten wir uns in unseren Van und fuhren grinsend davon.

6 Kommentare on "White Island – Verflixt und zugeschwefelt"

  • Benno, du Talent! Ich lieg ab, wie du schreibst! Und ich fühl ja so mit dir, aber im Gegensatz zu dir, hab ich nach der Vater-Vision die Fische doch gefüttert – also brave man!!!:)

    • Ben

      Oh man, jetzt erst gesehen – ich muss auf Kommentare achten!
      Danke Pella! :) Ne, darauf konnte ich gerade noch verzichten – war aber kurz davor….

  • Ihr schreibt so toll, dass man sogar den Schwefelgeruch in der Nase hat und es einem aufgrund des Wellenganges ein wenig übel wird. Waren die schwarzen Schuhe der Engländerin wenigstens toll? Ich möchte so viel schreiben und möchte Euch aber nicht langweilen. Deshalb nur noch – freue mich für Euch – habe Euch doll lieb – sende Euch ganz viele hugs……..

    • Sarah

      Der Geruch war wirklich grenzwertig und die Schuhe waren keine Schuhe die du dir kaufen wuerdest (also haesslich :-)… schreib wann was du auch immer moechtest, es langweilt uns ganz bestimmt nicht!!!!

  • Hi Sahra & Benny,
    ich freue mich immer wieder eure interessanten Berichte zu lesen. Die Beschreibungen und Bilder entsprechen auch weitgehend meinen Vorstellungen “in meinem Kopf” in Sachen Neuseeland. Was mich einwenig überrascht, war aber auch die Touristik die dort unten “zu Gange” ist. Bei den Transfermöglichkeiten ja auch wohl nicht verwunderlich! Komme zum Schluss, dass es eher schwierig ist, abseits der “Touris” persönliche Aktiviäten “zu leben”. Ich freue mich auf das was da von Euch noch kommt. Genießt euren Trip weiterhin stressfrei und bleibt gesund!

    • Sarah

      Ja, die ganze Tourigeschichte in NZ ist wirklich hart. Wir werden die Tage auch noch einen abschliessenden Bericht ueber NZ verfassen. Aktuell relaxen wir auf Bali und erholen uns von dem ganzen Stress. Allerliebste Gruesse von uns beiden und frohes Schaffen :-)!!!

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